Geschichte der evangelischen Kirche Neunkirchen

ZUR GEMEINDEGESCHICHTE
1861Gründung der vereinigten Pfarrgemeinden WIENER NEUSTADT - NEUNKIRCHEN
Bis 1903 gibt es einen gemeinsamen Pfarrer
1861-1874Dr. Julius Kolatschek (1829-1900)
1861-1874Evangelische Schule im Pfarrhaus
1862/1863Gleich nach dem Protestantenpatent von Kaiser Franz Joseph I. vom 8.4.1861 schrieb das Neunkirchner Presbyterium einen Wettbewerb zum Kirchbau aus. Evangelische Kirchen durften nun wieder ohne Beschränkungen gebaut werden. Die Backsteinkirche wird im neugotischen Stil nach Plänen von Hans Petschnig erbaut.
1874-1883Dr. Hermann Fritsche (1846-1924 )
1883-1901Hans Tillian (1856-1903)
1903Neunkirchen wird selbständige Pfarrgemeinde
1904-1917Lic. Dr. Friedrich Hochstetter (1870-1935 )
1917-1919Karl Parriger
1920-1944Josef Rudolf Beck (1893-1944)
1946-1975Mag. Heinz Schaefer; ab 1972 Superintendent (1916-1991)
Die Pfarrer von 1861 bis 1944
1975-1990Mag. Helmut Eiwen (1947-)
1980-2000Kurator Hans Herwig Brunner(1943-); Danach Ehrenkurator
1990-2011Mag. Ernst Hofhansl(1945-)
1995Drehort des Films "Ein fast perfekter Seitensprung" mit Hans Clarin und Elfi Eschke
2000-Kurator DI. Reinhard Simon(1958-)
2007Neubau des Jugendraumes
2008Ankauf und Montage der neuen Glocken
2009Der Zaun wird frisch gestrichen
Die Küche wird neu eingerichtet
2010Umrüstung der Heizung des Pfarrhauses auf die ökologisch günstige Fernwärme
2011Verlegung der Stolpersteine für Helene und Ignaz Reininger vor unserem Pfarrhaus im Beisein der Nichte Trude Bibring und ihrer Töchter.
Die österreichische evangelische Kirche hat die Familie von Frau Bibring freiwillig mit 100 000.-€ für das Ihnen zugefügte Unrecht unterstützt, solidarisch für alle Österreicher!
Herzlichen Dank an alle Beteiligten.

Restaurierung der Orgel um 15.000 € durch Hrn. Aschermann
2011-2014Mag. Michael Lattinger(1972-)
2012-Frau Trude Bibring stirbt am 20.1., halbwegs versöhnt mit der Geschichte und Neunkirchen.
2014Restaurierung der Kirchenfassade; Der oberste Teil des Glockenturms und alle hinteren Ziergiebel werden abgerissen und neu aufgemauert
Architekt DI Mario Watz; Bmst. DI Walter Ruck; Bauaufsicht Bmst. Ing. Alfons Rigler;Bauherren: Pfr. Michael Lattinger, Renate Wedl und Kurator Reinhard Simon.
Projektsumme: € 550 000.-
Spender: Land NÖ, BDA, Gemeinden, GAV, viele private Spender
2014-Pfarrer Andras Pal (1975- )
2015 -Diakonie: Deutschkurse und Kinderbetreuung für Flüchtlinge im Gemeindesaal



Die Geschichte unseres Pfarrhauses

Verfasst von Pfr. Mag Ernst Hofhansl im Jahr 2005
Hinweis von Kurator Simon vom 14.7.2011:
Lesen Sie unbedingt die Richtigstellung vom 13. Juli 2011
von Frau Mag. Barbara Heyse-Schaefer!


Im Juli 2005 war unser Pfarrhaus im Interesse einiger Medien. Über unsere Kirche informiert jetzt der neue Kirchenführer aus dem Peda-Verlag; über das Pfarrhaus Bescheid zu wissen ist auch hilfreich.

Gleich nach der rechtlichen Gründung als Tochtergemeinde von Wiener Neustadt kaufte 1861 das Neunkirchener Presbyterium das Grundstück Nr. 17 in der Stockhammergasse (damals: Hammergasse). Darauf befand sich ein ebenerdiges Haus, dessen genaues Errichtungsdatum nicht feststeht. Dieses Haus wurde zur Evangelischen Schule mit Lehrerwohnung umgebaut, die vom Herbst 1861 bis Juli 1874 geführt wurde. 1862 wurde der Bau der Kirche begonnen. Am 16. Mai wurden die Glocken und am 17. Mai 1863 wurde die Kirche unter großer Beteiligung der Bevölkerung geweiht.

Die Neunkirchener Gemeinde tat alles, um baldmöglichst zur Selbständigkeit zu kommen. Dem diente auch der Beschluß, 1888 ein Stockwerk auf das alte Schulhaus aufzusetzen, um eine Pfarrerwohnung zu bekommen. Der gemeinsame Pfarrer sollte zwar seinen Amtssitz in Wiener Neustadt behalten, aber drei Monate im Jahr in Neunkirchen wohnen. Das ehemalige Schulzimmer wurde zur Kanzlei umgebaut, die ehemalige Lehrerwohnung wurde für den Kirchendiener verwendet. 1903 wurde Neunkirchen selbständige Evangelische Pfarrgemeinde und D. theol. Friedrich Hochstetter wurde 1904 als Pfarrer eingeführt.

Als nun nach 1934 sich die Übertritte in die Evangelische Kirche wegen des "Ständestaates" mehrten - in diesem Jahr allein traten 300 Personen in die Evangelische Kirche ein - und auch die Gemeinde Neunkirchen anwuchs, fehlte es an geeigneten Räumen für die Gemeindearbeit. Am 6. Oktober 1935 wird im Presbyterium die Notwendigkeit eines Gemeindesaales besprochen. Zu dem bereits eingegangenen Entwurf eines einstöckigen Zubaues wurde ein weiterer angefordert, der die Errichtung eines zweiten Stockwerkes des Pfarrhauses vorsehen sollte.

Aus Anlass des 75-jährigen Bestehens der Gemeinde (1936) richtete Pfarrer Josef R. Beck einen Aufruf an die Gemeindeglieder, sich an der Jubiläumsspende für den Bau des Gemeindesaales in Neunkirchen zu beteiligen. Baumeister Kubasek wird zur Einreichung eines Planes aufgefordert. Am 22. Mai 1938 weist der Jubiläumsfonds 4.455,-RM aus; 10.000,-RM wären für den Bau nötig.

In diese Zeit fällt eine schwere Erkrankung von Pfarrer Beck. Schon am 31. 12. 1937 und am Karfreitag 1938 zeigten sich gegen Ende des Gottesdienstes Störungen des Sprechvermögens. Am 9. Mai folgte der völlige Zusammenbruch mit stundenlanger Bewußtlosigkeit; nach der Genesung und dem Kuraufenthalt folgte noch ein wochenlanges ärztlichesUnterrichts- und Predigtverbot. Sein schon pensionierter Vater ist zur Aushilfe während des anschließenden Erholungsurlaubes im Sommer 1938 bereit. In der nächsten Presbytersitzung kündigt Vikar Ladislaus Brunner seine Stelle als Geistliche Hilfskraft, da er als Pfarrer nach Markt Allhau zu gehen gedenkt. Gleichzeitig verspricht er, solange in Neunkirchen zu bleiben, bis Pfr. Beck seine Amtsgeschäfte wieder aufnehmen kann. In dieser Sitzung wird auch wieder vom Gemeindesaal gesprochen. Das Nachbarhaus, Stockhammergasse 15 stünde zum Verkauf an. Dem Schätzungsprotokoll des Stadtmaurermeisters Paul Binder vom 19. Juli 1938 ist zu entnehmen, daß das nur von einem kleinen Raum unterkellerte Erdgeschoß etwa 70-80 Jahre alt und feucht ist, aus 2 Zimmern, 1 Kabinett, 1 Küche, 1 Vorraum, 1 Klosett besteht; der erste Stock ist etwa 40-45 Jahre alt und enthält 3 Zimmer, 1 Küche, 1 Badezimmer, 1 Klosett. Im Hofraum ist links ein Zubau mit Waschküche und Holzlage, rechts eine hölzerne, verglaste Veranda. Dir. Landgraf wird ermächtigt, mit dem Besitzer unverbindliche Rücksprache wegen Ankaufs zu halten. Am 11. Juli berichtet Dir. Landgraf, daß die Stadtgemeinde Interesse am Kauf desNachbarhauses hätte, was sich aber schon in nächster Zeit als nicht richtig herausstellt. Der vom Ehepaar Helene und Ignaz Reininger zunächst genannte Kaufpreis von S 30.000,- (=20.000,- RM) erscheint gegenüber dem Schätzwert von S 25.000,- (= 16.667,- RM) als überhöht. Das Presbyterium beschließt bis zum erhöhten Mittelwert von 18.000,-RM zu bieten, weil die Schaffung des Gemeindesaales, die Vergrößerung der Amtsräume und der Pfarrerwohnung sowie die  Errichtung von Vikarswohnungen  dringend nötig seien.

Finanziell bedeutete der Kauf eine deutliche Mehrbelastung der Gemeinde um 8.000 RM, ungeachtet der noch zu erwartenden Kosten für den Umbau zum dringend benötigten Gemeindesaal; freilich muß man auch die Vergrößerung des Gartens in Betracht ziehen. Am 4. September fand die nächste Sitzung des Presbyteriums statt, in welcher Dir. Landgraf erinnerte, daß ein zweckgebundener Fonds für den Gemeindesaal angelegt wurde, der einen Bestand von über RM 4.500,- aufweist. Sowohl die Stadtgemeinde, die Ortsgruppe der NSDAP und auch die SA, die das in Nachbarschaft des BDM-Hauses gelegene Objekt gerne erworben hätten, traten zugunsten der Evangelischen Pfarrgemeinde von der Kaufabsicht zurück. Sodann berichtet Landgraf von der - nach einiger Bedenkzeit seitens Herrn Reininger - erreichten Einigung über den Kaufpreis von RM 18.000,-, welche Summe durch ein Darlehen über RM 20.000 von der Neunkirchener Sparkassa zu decken wäre. In Einstimmigkeit wurden alle diesbezüglich nötigen Beschlüsse gefaßt und, nach dem der Oberkirchenrat am 8. November zugestimmt hatte, konnte am 11. Dezember 1938 von dem notariell durchgeführten Hauskauf berichtet werden.

Zwar stand die im Erdgeschoß befindliche Wohnung unter Mieterschutz und ein Raum war bis auf jederzeitigen Widerruf den Adventisten für ihre Versammlungen überlassen, doch konnte unter tatkräftiger Hilfe der Gemeinde die Wohnung im ersten Stock für einen Vikar hergerichtet werden. Den dringend benötigten Gemeindesaal hat man nicht einrichten können.Im Bericht des Pfarrers über das Jahr 1938 wird auch der Hauskauf in Neunkirchen erwähnt und vom "Versuch des Neunkirchner Wohnungskommissärs B." am 15. November 1938 berichtet, "uns auch die Wohnung im ersten Stock wegzunehmen und an eine Zinspartei zu vermieten." Weitere Schwierigkeiten mit den neuen Behörden blieben nicht aus. In der Chronik sind mehrere Vorladungen zur Gestapo nach Wiener Neustadt vermerkt. Nachdem seit Mai 1941 für alle kirchlichen Nachrichtenblätter verhängten Erscheinungsverbot, erfand Pfr. Beck im Sommer als Kommunikationsmittel für die weit zerstreut lebende evangelische Gemeinde das Blatt "Gemeindedienstordnung des Evangelischen Pfarramtes Neunkirchen, Nd.", worin die Gestapo die Fortführung des früheren Gemeindeblattes sah und schließlich die weitere Herausgabe 1942 verbot.


Unsere kirchlichen Gebäude wurden 1945 zerstört

Straßenseite


Hofseite

Am 24. Mai 1944 erfolgt ein Brandbombenangriff, der Industriewerke beschädigt und Einschläge im Pfarrgarten zur Folge hat. Die Kirchenfenster sind kaputt und die Dächer sind beschädigt: "Hausdachschäden" ist die letzte handschriftliche Eintragung von Pfarrer Beck in der Chronik.Die nächsten Dienste übernehmen Vikar Heinz Schaefer, Pfr. Heynen aus Köln und Pfr. Dr. Aurel Just. Am 29. November 1944 ist Pfarrer Beck gestorben. Aus dem Jahr 1945 wird in der Chronik vermerkt:

26. III.Pfarrhaus (Nr. 15) durch Bombe zertrümmert
[Das vom Ehepaar Reininger einvernehmlich gekaufte und nun völlig zerstörte Haus wurde nach dem Krieg unter großen finanziellen Anstrengungen und tatkräftiger Unterstützung durch Eigenleistungen von Gemeindegliedern aufgebaut. Im Erdgeschoß mit Kanzlei und Gemeindesaal und einer Wohnung im ersten Stock.]

29. III. Schlimmster Bombenangriff auf Neunkirchen

30. III. Karfreitag 5 Gottesdienstbesucher. Hl. Abendmahl

1. IV. Ostersonntag. Niemand zum Gottsdienst erschienen!

2. IV. Ostermontag. Kampfloser Einzug der Russen, Pfarrer Dr. Just in Gerasdorf von der Gemeinde abgeschnitten. Diakon Bruchmann unterwegs nach Semmering, weicht nach der Steiermark aus. Pfr. Fuchs übernimmt die Seelsorge in Gloggnitz

20. V. Erster Gottesdienst in Neunkirchen nach dem Zusammenbruch. Neukonstituierung der Gemeindevertretung."


Im Jahr 1960 meldet sich Frau Dr. Ferdinanda Aigner als Verwandte der im polnischen nationalsozialistischen Vernichtungslager Izbica 1942 getöteten Eheleute Ignaz und Helene Reininger und beantragt unter Berufung auf das Bundesgesetz vom 13. März 1957 über die Schaffung von Auffangorganisationen gem. Art. 26 § 2 des Staatsvertrages bei der Sammelstelle A in Wien eine Vergleichszahlung von öS 70.000,- von der Evangelischen Pfarrgemeinde Neunkirchen. Unter Verweis auf die seinerzeitigen Verhandlungen der Pfarrgemeinde mit dem Ehepaar Reininger stimmt die Antragstellerin einem Vergleich am 22. 12. 1960 zu, der die geforderte Summe auf öS 35.000,- reduziert.

Anmerkung Kurator Reinhard Simon: Am 5. Juli 2011 wurden vom Künstler Gunther Demnig 2 Stolpersteine vor dem Pfarrhaus verlegt. Damit haben wir ein Gedenken an das schwere Schicksal von Helene und Ignaz Reininger. Es war ein berührender Moment, da auch die Nichte Frau Gertrude Bibring mit Ihren beiden Töchtern anwesend war.
Zuvor hatte die evangelische Kirche Frau Gertrude Bibring freiwillig mit einer großen Summe bedacht, um die moralische Verpflichtung zu unterstreichen.
Insgesamt wurden in Neunkirchen 10 Stolpersteine von der Stadtgemeinde verlegt.

Wer mehr wissen will:

  • Ernst Hofhansl, In schwieriger Zeit. Streiflichter aus Neunkirchen in den Jahren 1934 bis 1944, in: Jahrbuch für die Geschichtes des Protestantismus in Österreich, 110/11 (1994/95) S. 241-254.
  • Gerhard Milchram, Heilige Gemeinde Neunkirchen. Eine jüdische Heimatgeschichte, Wien 2000; bes. S.94f.
  • Ernst Hofhansl, Evangelische Kirche Neunkirchen, Peda-Kunstführer, Passau 2004.
  • In der Wiener Zeitschrift "David. Jüdische Kulturzeitschrift", nun im 16. Jahrgang 2004, wird auch in wissenschaftlichen Beiträgen die Geschichte von Judengemeinden, Einzelschicksale von jüdischen Mitbürgern und deren Einrichtungen veröffentlicht.
  • Heinz Schaefer, Aus dem Leben der evangelischen Pfarrgemeinde Neunkirchen, Neunkirchen o. J. 1953).
  • Katalog der Ausstellung in Mauthausen, 1938. NS-Herrschaft in Österreich, 1998.
  • Wolfgang Westphal, Kursbuch 20. Jahrhundert. Der synoptische Überblick, München 1996.

Pfarrhaus Neunkirchen
Richtigstellung vom 13. Juli 2011 von Barbara Heyse-Schaefer

Im Februar 1960 wird die Sammelstelle A nach dem 3. Rückstellungsgesetz aktiv und erfasst das Haus in der Stockhammergasse 15 unter der Nr. 2158 und 2159 als ein dem Ehepaar Reininger entzogenes Vermögen. Den staatlichen Sammelstellen A und B werden nur Ansprüche auf nicht beanspruchtes bzw. erbloses Vermögen zugestanden (im Sinne des Artikel 26 § 2 des Staatsvertrages - vgl. BGBl Nr. 152/1955 mit 26.1.1957). Das heißt: zu diesem Zeitpunkt waren der Sammelstelle keine Verwandten der ehemaligen Besitzer Ignaz und Helene Reininger bekannt.

Es wurde daraufhin ein Schätzungsgutachten durch Herrn Dipl.-Ing. Drill veranlasst. Dieses Gutachten vom 19.7.1960 beläuft sich auf ATS 70.000,-. Frau Dr. Alice Weyrich, die als Vertreterin der Sammelstelle A mit der Verhandlung beauftragt war, reduziert die Schätzung um 20 %, da ihrer Ansicht nach die Stockhammergase nicht im Ortzentrum von Neunkirchen läge. Danach zieht sie den Kaufpreis von 1938 in der Höhe von ATS 18.000(Umrechung RM in ATS 1:1) ab und schreibt der Pfarr­gemeinde eine Zahlung von 38.000 ATS (nicht 70.000 ATS) vor. Im Zuge eines Vergleichs zwischen der Sammelstelle A und der Pfarrgemeinde Neunkirchen - der übrigens bei RA Dr. Hanns Bousek, einem Vetter meines Vaters, Pfr. Heinz Schaefer, geschlossen wurde - einigt man sich auf ATS 35.000,-. Ein Beleg, dass der seinerzeitige Kaufpreis von RM 18.00 zur freien Verfügung der Reiningers stand, wurde nicht erbracht.

Aus einem Dokument der Sammelstelle A vom 22.12.1960 geht hervor, dass Dr. Ferdinanda Aigner als Vertreterin der Sammelstelle A die Akten am 12.12. 2960 bei der Rückstellungskommission abschließend eingesehen und den Vergleich zwischen Pfarrgemeinde und Sammelstelle A genehmigt hat (Kopie s. Anhang, Original Österreichisches Staatsarchiv).

Bundesminister Dr. Miklas bestätigt am 22. September 1969, dass eine Anmeldung unter den Namen Ignaz und Helene Reininger unter Berufung auf Art. 26 des österreichischen Staatsvertrages nicht vorliegt. Es haben sich also bis dahin keine Angehörigen gemeldet.

Zusammenfassung: Dr. Ferdinanda Aigner ist keine Verwandte der Eheleute Ignaz und Helene Reiniger, sondern eine Vertreterin der stattlichen Sammelstelle A. Diese forderte 38.000 ATS von der Pfarrgemeinde (nicht 70.000). Beim Vergleich hat man sich auf 35.000 ATS geeinigt. Mit dem Geld wurde von Seiten der Sammelstelle andere Forderungen von Seiten jüdischer Opfer der NS Zeit an den Staat Österreich beglichen.

Im Jahr 2004 erstellte Ao.Univ.Prof. Dr. Franz-Stefan Meisel im Auftrag der Evangelischen Kirche in Österreich ein Rechtsgutachten zum Vorgang "Kauf des Evangelischen Pfarrhauses Neunkirchen" unter Berücksichtigung der Regelungen für die Wiedergutmachung bzw. Restitution. Es enthält folgende Erkenntnisse:
1) Der Verkauf war eine "Arisierung" (nichtige Vermögensentziehung iSd 3. RückstellungsG).
2) Es wurde von den Erben innerhalb der gesetzlichen Frist (30. Juni 1954) kein Antrag auf Rückstellung gestellt, der Anspruch ist daher erloschen.
3) Der Rückstellungsantrag wurde von der Sammelstelle A 1960 geltend gemacht. Mit der Zahlung eines Vergleichsbetrages von 35.000 ist die Rückstellungspflicht im juristischen Sinn erfüllt.

Am 8. Nov. 2004 stellten Dr. Ingo Zechner und Dr. Gert Tschögl von der Israelitischen Kultusgemeinde in einer Sachverhaltsdarstellung gegenüber der Evangelischen Kirche in Österreich fest, dass es trotz des Gutachtens von Prof. Meisel eine moralische Verpflichtung der Evangelischen Kirche gegenüber Frau Bibring, der Nichte von Ignaz und Helene Reininger, gäbe. Als Begründung wird angeführt, dass die Angehörigen der Familie Reininger bisher keine Geldzahlungen erhalten haben und Pfarrer Heinz Schaefer, wie aus seinem Schreiben vom 8. Okt.1960 an Superintendent Traar hervorgeht, von überlebenden Angehörigen der Familie Reiniger wusste. Diese hätten im Jahr 1960 ausfindig gemacht werden können.

Und noch ein Letztes: Das Ehepaar Reininger erhielt nach der Unterzeichnung des Kaufvertrages am 10.10.1938 trotz anderslautender Behauptungen meines Vaters kein Geld. Mit der Verkaufssumme von RM 18.000 wurden (teilweise) Hypotheken bereinigt. Der Rest wurde an die von der Vermögensverkehrsstelle im NS--Ministerium für Wirtschaft und Arbeit angegebene Bank bezahlt. Da es sich dabei um Sperrkonten handelte, gingen die Eigentümer leer aus .

Ignaz und Helene Reininger wurden am 15.5.1942 vom Wiener Aspangbahnhof nach Izbica/Polen deportiert. Das Lager war ein "Warteraum" zum Vernichtungslager Belzec. Es ist anzunehmen, dass das Ehepaar in Belzec, nicht in Izbica ermordet wurde.


Quellen:

  • Ernst Hofhansl, In schwieriger Zeit. Streiflichter aus Neunkirchen in den Jahren 1934 bis 1944. Art. In Geschichte des Protestantismus in Österreich 1995

  • Gerhard Milchram, Heilige Jüdische Gemeinde Neunkirchen. Eine jüdische Heimatgeschichte. Wien 2000

  • Carmen Diana Albu, Neunkirchen bitt’re Schicksalsjahre 1938 bis 1955. Dipl.Arb. Wien 2001

  • Heinz Schaefer, Aus dem Leben der evangelischen Pfarrgemeinde Neunkirchen o. J.

  • Grundbuch der Catastralgemeinde Neunkirchen Band I, Pag 330

  • Website Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes

  • Brief von Heinz Schaefer an Georg Traar vom 8.10.1960

  • Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Abt. NÖ Landesarchiv

  • Akt der Sammelstelle A EZ 42, KG Neunkirchen, Haus, Meldg.2158 2159 von Dr. Alice Weyrich aus dem Österreichischen Staatsarchiv

  • Bericht der Historikerkommission, insbesondere: Baumgartner, Streibel, Juden in NÖ. "Arisierung" und Rückstellung ..., 2002 und Junz u.a. Das Vermögen der jüdischen Bevölkerung Österreichs: NS-Raub und Restitution nach 1945, 2002

  • Ao.Univ.Prof. Dr. Franz-Stefan Meisel, Rechtsgutachten zum Vorgang "Kauf des Evangelischen Pfarrhauses Neunkirchen" unter Berücksichtigung der Regelungen für die Wiedergutmachung bzw. Restitution.

  • Mündlicher Bericht von Dr. Ingo Zechner und Dr. Gert Tschögl am 8. Nov. 2004 an die Evangelische Kirchenleitung nach Prüfung der Aktenlage.